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Dragée kulturelle

Szenario einer kulturlosen Stadt oder Das Projekt KULTUR.LOS  
„Etwas war geschehen. Zunächst nicht nachvollziehbar, nur so eine Ahnung, entdeckte ich die ersten Anzeichen. Die Litfaßsäulen, sie waren weiß. Kein Theaterprogramm, kein Film, keine Oper, kein Konzert, nichts. Diese gesichtslose Fläche beunruhigte mich, ich wußte nicht einmal, warum.
Wie jeden Morgen, wenn ich ausnahmsweise einmal Zeit hatte, joggte ich drei Runden durch den Park und dann zum Kiosk, um mir meine Zeitung zu holen. Doch an diesem Morgen fand ich den Kiosk nicht. Seltsam, er war seit Jahren an der gleichen Stelle gewesen; an dem Morgen war er fort. Ich lief etliche Ecken weiter, nirgendwo ein Kiosk. Lasen die Menschen keine Zeitungen mehr.
Und warum hatte ich an dem Morgen im Park keine anderen Jogger gesehen, wir trafen uns sonst immer zu einer Art stillem Wettbewerb. Die eilenden Menschen auf den Straßen ignorierten mich wie einen Schattenboxer, als hätten wir keine Körperkultur mehr.
Zuerst fielen mir die fahlen Gesichter der Menschen auf. Dann bemerkte ich, daß sie es nicht nur alle eilig hatten, irgendwie anders eilig als sonst, emsig, wie gedopte Arbeitsbienen, völlig desinteressiert an jeglichem Ereignis. Nein, sie bewegten sich auch anders. Sie hatten keinerlei Tiefgang mehr, ein eilender Mensch glich dem anderen, da war keine Ausdrucksstärke. Nur Leere.

Mir wurde kalt.
Die Menschen um mich herum hatten aufgehört, miteinander zu reden. Stumm liefen sie aneinander vorbei. Keine Geste des Vertrauens, kein Zunicken, ja nicht einmal ein ablehnendes Kopfwegdrehen. Als hätten sie keine Zeit zu verschwenden. Ihr Schritt war forsch und zügig geworden. Keine schlendernden Menschen mehr, die einem im Weg herumlaufen. Aufmerksam blickte ich um mich. Vieles war auf einmal merkwürdig und sonderbar.
So sah ich niemanden mehr essen. Sämtliche Frühstückscafés waren wie ausgestorben. Unbeteiligt und nebensächlich nahmen einige Nahrung zu sich, das war alles. Beinahe mechanisch schoben sie sich immer wieder Energieträger, anders konnte ich das wirklich nicht nennen, in den Mund. Keine Freude, kein Genuß. Jeglicher Geschmack war verflüchtigt. Es gab auch keine Kleidung mehr. Ich möchte nicht sagen, daß die Menschen nackt herumliefen, sie waren schon noch verhüllt, aber eben nicht mehr. Lieblos und ohne jede Idee verdeckten sie lediglich ihre Nacktheit. Konnte man sich sonst sicherlich über diesen oder jenen Einfall amüsieren oder wundern, war der Anblick jetzt ein Trauerspiel. Alle sahen gleich aus, identisch mit der Menge, nicht mit sich selbst. Es war auch keine Mode, die alle so gleichschaltete, vielmehr war es eine Verabredung zur Belanglosigkeit.... “

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Wolfgang Schwarzhaupt
Denkschrift zur Rettung des Theater der Keller in Köln
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